In der einstigen Metropole des Überflusses sind magere Jahre angebrochen. Die Wirtschaftskrise 2008 traf Las Vegas unvorbereitet. Die Hoffnung auf bessere Zeiten will die Stadt aber nicht aufgeben. Mit Sonderangeboten will sie wieder mehr Touristen anlocken: Es ist Schnäppchenzeit in der Wüste von Nevada.
Als Bürgermeister von Las Vegas mache es sich Oscar Goodman seit nun fast zwölf Jahren zur Aufgabe, das zu personifizieren, was er "Spielplatz für Erwachsene" nennt, schreibt der "Economist". Gern tänzelt er durch die Casinos mit spärlich bekleideten Showgirls an seinen Armen, behauptet, jede Nacht eine Flasche Gin zu trinken, und residiert in seinem Büro auf einem Thron, der nach Goodmans Worten symbolisieren soll, dass er "der glücklichste Bürgermeister der größten Stadt der Welt" sei.
Wie so vieles in Las Vegas, ist das nicht mehr als Show - und zwar nicht nur angesichts der Tatsache, dass sich inzwischen mehr als die Hälfte der Hotels und Casinos Nevadas außerhalb der Stadtgrenze befinden und somit keine Steuern an Stadt abführen. Vielmehr würden nur noch wenige Einwohner von Las Vegas die Stadt als "groß und glücklich" bezeichnen, so der "Economist".
Nevada hat die höchste Arbeitslosenquote der USA, in Las Vegas stieg sie im vergangenen Jahr noch stärker als im Rest des US-Bundesstaates mit einem Höchststand von 15,5 Prozent. Zudem verzeichnet Nevada die höchste Rate an Zwangsvollstreckungen, in Las Vegas sitzen über 70 Prozent der Hauseigentümer auf mehr Schulden, als ihre Häuser wert sind.
Geschäft mit der "Sünde"
Es gebe Anzeichen für eine Erholung, aber nur im Rest des Bundesstaates, nicht in Las Vegas selbst. Ob Immobilienpreise, Besucherzahlen oder Glücksspieleinnahmen, in der Amüsiermetropole bewegen sich "die Zahlen am unteren Ende", zitiert der "Economist" Stephen Brown von der Universität Las Vegas. Die entscheidende Frage sei, ob das Geschäft mit dem Glück je wieder genesen werde oder sich etwas grundlegend geändert habe. Nevada habe keine Einkommensteuer, das Land finanziere sich weitgehend aus Glücksspieleinnahmen.
Vor dem letzten Boom habe Nevada auf Verschwendung gesetzt, nun würden die Geldströme versiegen. "Schnelles Geld und eine lockere Moral" seien nötig, so Eric Herzik von der Universität in Reno, denn damit sei man schon bisher gut gefahren: Nach der Schließung des Silberbergwerks "Comstock Lode" 1880 hatte Nevada die "Sünde" zum neuen Rückgrat seiner Wirtschaft gemacht. Es begann mit der Einführung der ersten Profiboxkämpfe, ging weiter mit dem Lockerung des Scheidungsrechts und endete mit der Legalisierung des Glücksspiels im Jahr 1931 - und einem Boom all der daran hängenden Branchen von der Gastronomie bis hin zur Prostitution.
Der Immobilienboom zwischen den 1980er Jahren und 2008 sei die jüngste "Sünde" gewesen, die Las Vegas gedeihen ließ, sagt Michael Green, Historiker an der Southern-Nevada-Hochschule. Das führte zu einer der größten Immobilienblasen in den USA, die im Krisenjahr 2008 zerplatzte. Zuwanderer blieben aus, Hotels entließen Mitarbeiter, Bauprojekte wurden gestoppt, Casinoaktien stürzten an der Börse ab. Die alte Faustregel, wonach Glücksspiel eine rezessionssichere Branche sei, erwies sich als Irrglaube, die Einnahmen daraus gingen erstmals zurück.
Von Spielern zu Medizintouristen
Die Touristen würden jetzt zwar langsam wiederkommen, doch sitzt das Geld bei ihnen laut "Economist" nicht mehr so locker wie früher. Dabei ist die Stadt laut Goodman inzwischen ein "Billigziel". Die kürzliche Eröffnung von zwei weiteren riesigen Casino- und Hotelkomplexen steigert die Überkapazitäten der Stadt und zwingt Casino- und Hotelbetreiber zu noch mehr Rabatten. In Las Vegas sei die Zeit der "Schnäppchen" angebrochen.
Von Pessimismus will der Bürgermeister denn auch nichts wissen und verweist auf Angebote jenseits des Glückspiels: Klassikkonzerte, ein Gangster-Museum, Shoppingcenter, Sportangebote und nicht zuletzt ein neues Spital sollen neue Kundschaft anlocken. Mit dieser Strategie bleiben sich die findigen Unternehmer von Las Vegas treu: Wenn alte Märkte austrocknen, werden eben neue erschlossen. Besuchten bisher nur Spieler die Stadt in der Wüste, sollen es jetzt unter anderen auch Medizintouristen tun.
Economist-Artikel
(orf.at)

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