So verwandeln sich regelmäßig zahlreiche Privatwohungen für ein paar späte Stunden in verrauchte Kleincasinos – das Motto: Zocken wie die Großen, wenn auch nur mit wenig Geld. Als beliebteste Spielvariante hat sich längst "Texas Hold´em" durchgesetzt: Jeder Spieler bekommt zwei Karten auf die Hand, nach und nach werden fünf weitere offen in die Mitte gelegt. Jeder Spieler bastelt sich daraus in Gedanken ein Blatt zusammen, zum Beispiel ein Paar aus zwei gleichen Karten oder auch ein Full House. Wertungen und Reihenfolge sind letztendlich ähnlich wie beim Kniffeln – das Königsblatt ist "Royal Flush", eine einfarbige Straße von zehn bis Ass. Daneben haben sich Spitznamen für bestimmte Anfangskombinationen bewährt, zum Beispiel "American Airlines" für zwei Asse oder "Anna Kournikova" für Ass und König – Eselsbrücke: Sieht gut aus, aber spielt schlecht. Nach und nach steigt der Einsatz und beginnt der Nervenkitzel: An diesem Punkt gilt es vorauszuahnen, ob das eigene Blatt ausreicht oder es besser ist auszusteigen, um den Verlust für diese Runde gering zu halten. Oder man schiebt die vollverspiegelte Oakley etwas tiefer ins Gesicht, zieht einmal kräftig an der "Fad Lady" und befördert mit einer lässigen Handbewegung seinen Haufen Chips in die Tischmitte: All in!
Ausgelöst haben den Boom Übertragungen von Pokerturnieren auf DSF, der neue James Bond »Casino Royale« und natürlich Stefan Raabs schier endlos lange Zockernächte auf ProSieben – dort geht es immerhin um 100.000 Euro. Das Preisgeld stammt nach Spiegel-Informationen von der amerikanischen Internet-Pokerplattform Pokerstars. Nachdem der US-Kongress im September das Internetglücksspiel in den Staaten faktisch verboten hat, drängen die dortigen Firmen über den großen Teich und wollen die Deutschen an den virtuellen Spieltisch treiben. Denn im WorldWideWeb lassen sich mit dem trendigen Kartenspiel zumindest für die Organisatoren satte Gewinne einstreichen – Marktführer PartyGaming machte 2005 allein 487 Millionen Euro Gewinn! Der vermeintlich aus der Asche entsprungene Pokerboom trägt also den faden Beigeschmack einer aggressiven Marketing-Kampagne – am Ende geht’s wie immer nur um eines: das liebe Geld. Und selbst das lässt sich im Internet nur unter fraglichen Bedingungen verdienen: Beschwerden über den Betrug am virtuellen Spieltisch häufen sich. "Ich kann eigentlich nur jedem vom Internetglücksspiel abraten. Es kommt vor, dass sich Mitspieler per Telefon die Kartenwerte mitteilen oder sogar dieselbe Person an mehreren Computern gleichzeitig spielt", warnt Edgar Lutz, der das Casino in Bad Harzburg leitet. Dazu kommt, dass Internetglücksspiel in Deutschland eigentlich verboten ist. Der Staat hat es in der Praxis aber schwer durchzugreifen, wenn jemand zwar vorm heimischen Monitor zockt, sich aber auf einem ausländischen Server einloggt. Rechtlich unbedenklich sind dagegen die Pokerturniere in den deutschen Spielbanken. Live und face to face wird zum Beispiel jeden Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag in Bad Harzburg gezockt – Mindesteinsatz 50 Euro plus 5 Euro Steuern. "Interessierte sind aber auch herzlich eingeladen, einfach so vorbei zuschauen und die Atmosphäre zu schnuppern", wirbt Lutz. Die verspricht durchaus einen Hauch von Las Vegas, auch wenn die Anzugpflicht längst aufgehoben ist.
Bleibt nur noch die alles entscheidende Frage, bei der die Antworten weit auseinander gehen: Hat beim Pokern am Ende der gewiefteste und nervenstärkste Spieler die Nase vorn oder entscheiden lediglich Glück oder Pech über ein Ende mit Geldsegen oder in der Schuldenfalle? Deutschlands Schach-Großmeister Matthias Wahls verdient seit einiger Zeit seine Brötchen jedenfalls beim Onlinepokern. Vielleicht streift seine Einschätzung den Kern der Wahrheit: "Der gute Spieler verliert zwar während einer Pechsträhne, doch er verliert weniger als ein schlechter Spieler mit den gleichen Karten. Wenn die Karten günstig kommen, dann gewinnt er damit mehr als der schlechte Spieler. Glück und Pech gleichen sich über einen längeren Zeitraum aus. Danach bleibt, als reines Destillat, die bloße Spielstärke zurück."
(Holger Isermann - subway.de)

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