Das Glück verlässt Las Vegas
von , veröffentlicht am 11.07.2010 20:38
Nevada boomte einst dank Shows, Glücksspiel und Touristen · Jetzt rückt der Staat an Platz eins der US-Arbeitslosenstatistik.
Manchmal kommt es Albert Lemonds vor, als habe er diese ganze Stadt gebaut. Er war von Anfang an dabei, als die gigantischen Kasino-Hotels in den Wüstensand von Las Vegas gesetzt wurden, immer größer, immer schriller. Das Treasure Island wurde vor 17 Jahren eröffnet, daran kann sich der 47-jährige Zementarbeiter ganz genau erinnern. Denn als er die Baustelle verließ, fing seine Frau in dem neuen Komplex im Südsee- und Piratenlook als Zimmermädchen an.
"Ich habe mein ganzes verdammtes Leben auf dem Bau verbracht", sagt Lemonds. Schon sein Onkel hatte in den 1930er-Jahren den Hoover-Damm mitgebaut, der das Wasser aus dem Colorado-Fluss staut. Und seit den 1950er-Jahren gab es für Las Vegas nur noch eine Richtung: gen Himmel. Die größte Stadt Nevadas fand ihr Heil in Glücksspiel und Entertainment. Stars von Frank Sinatra bis Siegfried und Roy lockten Touristen aus aller Welt, das Glücksspiel bedeutete Arbeitsplätze.
Lemonds hatte nicht damit gerechnet, dass das alles einmal vorbei sein könnte. Die Arbeitslosigkeit in Nevada lag im Mai bei 14,1 Prozent. Damit hat die einstige Boomregion erstmals die Automobilhochburg Michigan als Staat mit der größten Arbeitslosenquote in den USA abgelöst. 177.000 Jobs hat Nevada seit den Boomzeiten vor fünf Jahren verloren, davon 83.000 im Baugewerbe.
Nie hätte Lemonds erwartet, dass er wie rund 75 weitere Arbeitslose dem Ruf ihrer Gewerkschaft zum Protest in das Gebäude der Culinary Training Academy, des Ausbildungszentrums der Gastronomie, folgen würde. Es geht darum, dass der US-Kongress die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds verlängert. Die republikanische Opposition stellt sich da quer.
Die Lähmung in Washington trifft Lemonds besonders hart. Sein Arbeitslosengeld ist Ende Juni ausgelaufen, nun weiß er nicht, wovon er im Juli die monatliche Rate für seinen Hauskredit zahlen soll - zumal auch seine Frau im Treasure Island auf Kurzarbeit umsteigen musste.
"Es ist das erste Mal, dass Nevada so hart getroffen wurde", sagt Stephen Miller, Wirtschaftsprofessor an der University of Nevada, Las Vegas. Selbst den Rückgang des Tourismus nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe die Stadt rasch überwunden. Doch diesmal folgte die Dienstleistungskrise dem Debakel auf dem Immobilienmarkt - und in Nevada war die Blase mit einem besonders lauten Knall geplatzt. Lemonds Haus im Osten der Stadt ist heute nur noch die Hälfte seines Kaufpreises wert. "Die Zeiten, in denen Bauarbeiter Häuser für andere Bauarbeiter errichteten, sind vorbei", sagt Jeremy Aguero von der Unternehmensberatung Applied Analysis.
Auch neue Hotels plant derzeit niemand - in den nächsten Jahren wird es darum gehen, die 150.000 Hotelzimmer der Stadt mit Gästen zu füllen. Der letzte große Kraftakt der Stadt war der im Dezember eingeweihte Citycenterkomplex im Herzen des Strip, der Kasinomeile von Las Vegas. Das 8,5 Mrd. Dollar teure Hotelprojekt hatte schon vor dem Aus gestanden, als Nevadas Senator Harry Reid, der demokratische Mehrheitsführer im Senat, persönlich die Banken abtelefonierte und sie bat, ihre Unterstützung für das größte privat finanzierte Bauprojekt in der Geschichte der USA nicht zurückzuziehen.
Heute kann Reid, der bei der Wahl im November um seinen Senatssitz kämpfen muss, auf 22.000 Jobs verweisen, die das Citycenter geschaffen hat - nach seiner Rechnung. Passend, dass Reid genau dort am Donnerstagabend zu einer Spendengala mit US-Präsident Barack Obama einlud.
Reid weiß aber auch, dass sein Staat künftig auch andere Jobs braucht - und setzt sich deshalb für die Ansiedlung von Erzeugern erneuerbarer Energien ein. Mit niedrigen Steuersätzen versucht Nevada schon seit Jahren, Unternehmen etwa aus dem Nachbarstaat Kalifornien anzulocken. "Wir müssen Steuereinnahmen generieren, die nicht aus Hotelbetrieb und Glücksspiel kommen", sagt Somer Hollingsworth, Leiter der Nevada Development Authority.
Aber zugleich will der Nevada-Vermarkter den Glauben an das Comeback von Las Vegas nicht aufgeben. Die Kasinostädte, die in anderen US-Staaten, aber auch in Asien entstanden sind, seien kein Ersatz. "Es gibt nur ein Vegas", sagt Hollingsworth. "Alles andere ist nur Mickey Mouse."
(ftd.de)
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