Und die Bank gewinnt doch nicht immer!
Neugier und ein kleiner Auftrag nehmen Liselotte die Schwellenangst vor der Welt der Reichen und Schönen...


Liselotte, eine Winzerin von der Mosel, weilte für zwei Wochen zu Besuch in Bad Neuenahr bei ihrer besten Freundin.
Wenn sie alleine unterwegs war, schlich sie immer wieder um die mondäne Spielbank herum, wie eine Katze, die das Mausen nicht lassen kann und fragte sich stets, ob man dort wohl auch alleine hineingehen könne.

Noch nie in ihrem Leben war sie in einer Spielbank gewesen - aber als sie ihrem Hausarzt erzählte, sie wolle nun für zwei Wochen nach Bad Neuenahr reisen, sagte dieser lässig und wie nebenbei zu ihr: "Dann gehen Sie dort in die Spielbank und setzen auf die Zahl 18."

Dieser Satz klang immer wieder in ihren Ohren, wenn sie am Ufer der Ahr gegenüber der Spielbank auf der Bank sass und sinnierte, welche Menschen dort drinnen wohl ihr Glück versuchten.
Liselotte war schon von Kindheit an mit einer natürlichen Neugier gesegnet, die sie auch im Alter von Anfang fünfzig noch nicht abgelegt hatte. Sie interessierte sich immer noch für fast alles und nun hatte die Vorstellung vom Roulettespiel sie in ihren Bann gezogen.
Beim Gedanken an die Spielbank dachte sie an Weltliteratur, wie "Der Spieler" von Dostojewski, dachte an verarmte Grafen, die ihr gesamtes Hab und Gut verspielt hatten und ein Schauer lief über ihren Rücken bei dem Gedanken, sie könne ihr Winzergut an der Mosel in einer einzigen Nacht in diesem Hause dort am Ufer der Ahr verlieren.

Eines Tages war es dann so weit. An einem harmlosen Dienstagnachmittag ging sie zum Friseur, zur Kosmetikerin und zog ihr bestes Kleid an für ihr kleines geheimes Abenteuer "Spielbank Bad Neuenahr". Der Freundin erzählte sie nichts davon.

Mutig gab sie ihren Mantel an der Garderobe ab und liess sich an der Kasse unter Vorlage ihres Personalausweises registrieren - "für die Hölle" - dachte sie unverweigerlich und wurde in diesem Moment etwas stolz auf sich selbst.
Sie beobachtete eine junge Frau, die sich registrieren liess für den Automatensaal und überlegte kurz, das das für sie überhaupt nicht in Frage komme.
Wenn Spielbank, dann aber richtig - in die grossen Roulettesäle wollte sie - dorthin, wo es um etwas ging und wo der Hauch der grossen Welt sie umfächeln konnte.

Sie zahlte ihren Eintritt in Höhe von 3.50 Euro und fuhr mit dem goldenen Aufzug eine Etage höher. Hier war sie geblendet von der Eleganz der Räumlichkeiten, den roten Samtstühlen, die lässig verteilt zum Ruhen einluden, den riesigen Kronleuchtern, die festliches Licht spendierten, der gediegenen Mischung aus Mahagoni, Plüsch und Gold.
Für einen Moment fühlte sie sich versetzt auf das gesunkene Luxuskreuzfahrschiff "Titanic" und hielt respektvoll den Atem an, während ihre Sinne sich berauschten an den vielen neuen Eindrücken in einer anderen Welt wie zu einer anderen Zeit.

Das Rauschen des kleinen Flusses Ahr, das durch die Fenster hereindrang an ihr Ohr, holte sie in die Gegenwart zurück und das Schiff hörte auch sogleich auf zu schwanken.

Liselotte nahm Platz auf einem der roten Samtstühle, genehmigte sich ein Glas Sekt aus einer Ahrweinkellerei und schaute sich neugierig um.

Elegant sassen die Croupiers am Spieltisch und arbeiteten schneller mit dem Verteilen der Jetons, wie ein normaler Mensch denken kann. Durch die grossen Fenster bahnte sich ein wenig Sonnenlicht den Weg in die grossen Spielsäle und Liselotte betrachtete es als ein gutes Zeichen.

Nach einer langen Weile bewegte sie sich auf den ersten Spieltisch zu, schaute zu, wie einige Herrschaften höchst nervös Hände voller 50-Euro-Scheine auf den Spieltisch warfen, die dort sofort umgetauscht werden konnten in Jetons und dann dem Croupier Befehle gaben, die für Liselotte absolut unverständlich waren - es klang so wie "transwall, Kessel, gerade, ..." nie hatte sie so etwas gehört.

Dann beobachtete sie, wie einige der Herrschaften nach dem Setzen ihrer Jetons einfach den Spieltisch verliessen, am nächsten Spieltisch das gleiche Spiel betrieben und sich offensichtlich um ihre Einsätze nicht mehr gross kümmerten.

Liselotte straffte sich, dachte an ihren Hausarzt und wusste: Jetzt oder nie !

Mutig gab sie dem Croupier 200 Euro und sagte "Bitte auf die Zahl 18". Freundlich nahm der Croupier das Geld entgegen, tauschte es um in Jetons im Wert von 200 Euro und setzte auf die Zahl 18.

"Nichts geht mehr" sagte der Croupier und als die kleine weisse Kugel auf die Zahl 18 hüpfte und Liselotte dabei freundlich ein wenig zublinzelte, schien es ihr fast selbstverständlich zu sein. Wo sollte die Kugel auch sonst liegen ?

Und sie hatte ja schliesslich nur ihren kleinen Auftrag erfüllt und dabei gleichzeitig ihre Neugier stillen können, was den Blick in die Welt der Reichen und Schönen anbelangte.

"Was soll ich jetzt tun ?" - fragte sie dann doch sehr erfreut den Croupier. "Glückwunsch ! Sie haben das 36fache Ihres Einsatzes gewonnen ! Sagen Sie jetzt einfach - 'ein Stück für die Angestellten' und tauschen dann die Jetons an der Kasse um in Geld".

Nun wurde Liselotte plötzlich doch von einer tiefen Freude erfasst und nach dem "Stück für die Angestellten" erzählte sie am Spieltisch den Croupiers ihre Geschichte vom Auftrag des Hausarztes, was bei den Herren ein herzhaftes Lachen auslöste.

Glücklich tauschte Liselotte ihre Jetons um in Bargeld und ging noch am gleichen Abend chic mit ihrer Freundin essen - dabei durfte an nichts gespart werden.

Erzählt hat sie von ihrem Abenteuer niemanden etwas - aber manchmal überlegt sie, wie sie es anstellen könne, das ihr Hausarzt ihr wieder eine Zahl preisgibt - eine Zahl in Verbindung mit einem ganz besonderen Auftrag...

(rp-online.de - catthmary)