Die Tage der legendären Spielbank sind gezählt. Mit dem glamourösen Vergnügungstempel für die High Society hat das gesundgeschrumpfte Casino Travemünde heute, ein halbes Jahrhundert nach seiner Blütezeit, ohnehin nur noch wenig zu tun.
Eine breite Treppe mit rotem Teppich führt in den Spielsaal im ersten Stock hinauf, die alten Kronleuchter von 1914 hängen noch von der Decke, und die Fliegen der Croupiers sitzen so perfekt wie eh und je. Doch die fetten Jahre sind vorbei - vor allem die glamourösen. Schon lange bilden die Luxuslimousinen in der Kaiserallee keine Staus mehr. Das Casino Travemünde, das international bekannt wurde und als Institution sogar namentlich in Landkarten eingetragen ist, ist auf einen Seitenflügel im ehemaligen Konversationshaus zusammengeschrumpft. Der prunkvolle Große Saal, in dem noch Mitte der 90er Jahre fast ein Dutzend Roulettedoppeltische standen, wird nur noch einmal im Jahr vom Columbia Hotel & Resorts für ein großes Pokerturnier angemietet.
Doch das Spiel geht weiter. Im ersten Stock stehen zwei Black-Jack-, vier Roulette- und drei Pokertische. Die Tür zum Großen Saal ist zugeschoben. Der angrenzende Seitenflügel wird durch Trennwände und Sitzgelegenheiten zu mehreren Raumeinheiten gegliedert. Sie münden in einer Bar, die zu drei Seiten verglast ist - natürlich mit Blick auf die Ostsee.
Einer Frau Mitte Vierzig sind gerade die Jetons ausgegangen. Sie geht zur Kasse und schiebt fünf lila Geldscheine über den Tisch. Das Spielgeld verschwindet klackernd in ihrer weit geschnittenen Hosentasche. Dann kehrt sie zum Roulettetisch zurück und bestückt unterschiedliche Felder mit kleinen Haufen lila Jetons. Es ist offensichtlich ihre Lieblingsfarbe. Sogar ihr Nagellack hat denselben Farbton wie die Plastikplättchen à zehn Euro. Der weißhaarige Croupier dreht das Rad und wirft die Kugel gegen die Drehrichtung. "Nichts geht mehr" sagt der Croupier zu einem Spieler, der noch schnell seinen Einsatz loswerden will. Die Kugel bleibt bei der roten 18 liegen. Vier lila Häufchen verschwinden im Loch der Spielbank, ein Haufen wird verdoppelt. Neue Runde, neues Glück.
Innerhalb weniger Minuten kann der Einsatz verdoppelt, vervierfacht, verhundertfacht werden. Manchmal klappt das ja auch. Eine Frau erzählt, ihr Mann habe in Hittfeld bei Hamburg eine knappe halbe Million beim Roulette gewonnen - und das mit nur 5000 Euro Einsatz. Ein Haus hätten sie sich davon gekauft, sagt die Frau stolz. "Aber nie mit fremdem Geld spielen", rät der Mann, als er gerade wieder einen ganzen Sack voll Jetons eingestrichen hat. "Das macht keinen Spaß", sagt er und wendet sich wieder dem Glück zu.
Während er immer gleich hohe Beträge einsetzt, legt sie immer nur einen Jeton zu fünf Euro auf eine Farbe und wartet ab. Sie hat Glück. Eine rote Zahl kommt nach der nächsten. Jedes Mal wird ihr Haufen verdoppelt: Aus fünf mach zehn, aus zehn mach zwanzig, vierzig, achtzig, hundertsechzig, dreihundertzwanzig, sechshundertvierzig. Man möchte fast glauben, dass sie mit ihrem Willen den Zufall bestechen kann, doch dann kommt plötzlich eine schwarze Zahl und der schöne Haufen verschwindet wie schon so viele zuvor im Loch der Bank. Zusammen mit den anderen verlorenen Jetons werden sie im Tisch automatisch sortiert. Kurze Zeit später ploppen sie nach Farben geordnet wieder auf.
(merian.de)

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