Bielefeld - Straight, Flush und Full House – das Kartenspiel Poker ist in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Auch im Internet zocken die Deutschen gerne: Wie die erste Untersuchung des deutschen Marktes für Online-Poker zeigt, setzen die Anbieter hierzulande im Jahr rund 380 Millionen Dollar um. Das Bieten und Bluffen per Netz ist dabei eigentlich illegal.

Sechs Monate lang haben Ingo Fiedler und Ann-Christin Wilke vom Fachbereich Betriebswirtschaftslehre der Universität Hamburg das Spielverhalten deutscher Pokerspieler bei fünf Anbietern beobachten lassen. Ihre Ergebnisse haben sie in einem Artikel zusammengefasst, der demnächst in einer Fachzeitschrift erscheinen soll:
  • Rund 580.000 Menschen (0,71 Prozent der Bevölkerung) zocken in Deutschland Online-Poker. Deutschland ist damit nach den USA der größte Markt weltweit.
  • Prozentual die meisten Spieler wohnen in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. In NRW gibt es rund 160.000 Spieler.
  • Im Durchschnitt bezahlen sie 452 Dollar an Gebühren im Jahr, das oberste Prozent sogar 8.098 Dollar. Über die Hälfte des Spielvolumens stammt damit von nur einem Prozent der Spieler.
Wie Rechtsanwalt Markus Ruttig, der mit zwei Kollegen einen Kommentar zum Glücksspielstaatsvertrag herausgibt, sagt, ist Online-Poker dabei in Deutschland illegal. Es gebe zwar eine Diskussion darüber, inwiefern Poker ein Geschicklichkeits- und kein Glücksspiel sei. Die Rechtsprechung gehe aber derzeit davon aus, dass es ein Glücksspiel sei. "Wenn Sie nicht das richtige Blatt haben, können sie nicht gewinnen", sagt Ruttig. Als "juristische Grauzone" bezeichnet er die Tatsache, dass der weltweite Marktführer Pokerstars unter der deutschen "de"-Domain eine "Poker-Schule" mit Spielgeld anbietet, unter der amerikanischen "com/de"-Adresse jedoch auch auf Deutsch Spiele mit Echtgeld. Für die deutsche Seite wirbt auch Boris Becker. Ruttig berichtet, dass das Landgericht München schon einmal in einem ähnlich gelagerten Fall gegen den Anbieter Bwin geurteilt habe, der auch eine "Free-Bwin-Seite" betreibt.

Jeder Bürger kann per Kreditkarte spielen

Wie Fiedler in seinem Artikel schreibt, ist der deutsche Markt für Online-Poker "im Ergebnis ein freier Markt": Jeder Bürger kann per Kreditkarte an Pokertischen spielen, der Staat lässt auch die Finanzströme nicht als Geldwäsche unterbinden. Die Anbieter halten sich in Deutschland zudem sehr bedeckt: "Für Spieler gibt es Call-Center, aber an die Eigentümer heranzukommen ist schwierig", sagt Fiedler. Die deutsche "Pokerstars"- Seite, die von einer Firma auf der britischen Isle of Man betrieben wird, hat zum Beispiel auch keine Telefonnummer.

Die USA sind hingegen kein Zockerparadies mehr: Das FBI hat die Seiten mehrerer Anbieter gesperrt. Sie müssen den Spielern ihr Geld zurückzahlen – zwei sind daran schon pleitegegangen, wie Fiedler sagt.

Kommentar: Keine guten Karten

Mehr als eine halbe Million Bundesbürger spielen Online-Poker, die Anbieter nehmen damit mehrere hundert Millionen Dollar ein. Selbst wenn anteilig nicht einmal jeder hundertste Deutsche im Netz mit Karten zockt – dass das Spiel in Deutschland in einer quasi rechtsfreien Zone über die Bühne geht, verwundert doch.

Doch welches Blatt soll der Staat auch spielen? Soll er gegen die im Ausland sitzenden Anbieter von Online-Poker strafrechtlich vorgehen, obwohl das juristisch schwierig sein kann? Oder soll er gar, wie im neuen Glücksspielstaatsvertrag bei Sportwetten vorgesehen, Netzsperren verhängen? Das will keiner, weil dafür der gesamte Datenverkehr überwacht werden müsste.

Die Alternative wäre es, den deutschen Markt für Online-Poker zu öffnen. Abgesehen davon, dass sich die Länder darauf wohl nicht einigen werden, zeigen auch Erfahrungen aus Frankreich, dass es trotz liberalerer Gesetzgebung immer noch illegale Anbieter gibt.
Der Staat hat in diesem Fall einfach keine guten Karten.

(nw-news.de)